Die Geschichte der U.

Im Artikel „Fragen an Undine“ waren gleich zwei Kommentatoren an meinem Werdegang interessiert.

Jörg schrieb:

Wie sind sie dazu gekommen Bizarrlady zu werden?
Wann hat sich ihre dominante Ader entwickelt?

Higherheel schrieb:

Was ich immer spanned finde, ist der Schritt, wie es Menschen geschafft haben, von der vielleicht nur privat/versteckt gelebten SM-Leidenschaft damit in die Öffentlichkeit zu wechseln und als “Sexworker/in” aktiv zu sein. Wie war bei dir der Prozess und die Resonanz von dir nahestehenden Menschen ?

Dazu möchte ich gern etwas ausführlicher werden, deshalb hier ein neuer Eintrag.

Mein Interesse an BDSM hat sich wie bei vielen Sadomasochisten recht früh entwickelt. Die Gründe sind mir unbekannt, aber in dieser Hinsicht sind wir Paraphilen ja sowieso nach wie vor ein wissenschaftliches Rätsel. Kurzum, ich hatte schon in meiner frühen Pubertät sowohl aktive als auch passive SM-Phantasien, und glücklicherweise war ich ignorant genug, mir deswegen keine Sorgen zu machen. Mit derselben Unbekümmertheit habe ich dann als Teenager meine Gespielen dazu verführt, verschiedene Facetten (vor allem Bondage beim Sex) zusammen mit mir auszuleben. Dass man das ganze SM nennt und es gemeinhin für „pervers“ hält, dämmerte mir erst mit Anfang zwanzig, als ich Kontakt zur privaten Szene aufnahm.

Bezüglich Sexwork als Berufswunsch ging es mir übrigens ähnlich. Ein gern genanntes „Argument“ feministischer Prostitutionsgegner ist die Behauptung, kein junges Mädchen würde sich je wünschen, später mal Hure zu werden. Ich erinnere mich, dass ich mit vierzehn in billigen Schundromanen der Kurtisanen-Romantik nachhing und mir das ganze durchaus als ernstzunehmende Perspektive vorstellen konnte.

Um mir zu beweisen, dass ich auch anders konnte, wenn ich wollte, und weil ich auch noch andere Dinge spannend fand, hatte ich nach dem Abitur zunächst ein naturwissenschaftliches Studium begonnen. An der Uni lernte ich einen Mitstudenten kennen, der mir nach einer langen und wilden Nacht, in der wir einander gegenseitig mit einem Gürtel verprügelt und uns wund gevögelt hatten, seine regelmäßigen Besuche in Live-Stripshows gestand. Ich war begeistert und wollte unbedingt mitkommen. Was soll ich sagen – am Tag darauf hatte ich einen neuen Nebenjob. Als leidenschaftliche Tänzerin mit lang gehegten Rotlicht-Phantasien konnte ich kaum fassen, dafür auch noch bezahlt zu werden, an einer Stange vor den Augen zahlreicher gieriger Zuschauer meine Hüften kreisen zu lassen …

Wer diese Shows kennt, weiss, dass es bei lukrativen Angeboten aus dem Publikum nicht immer beim Tanzen bleibt. So sammelte ich einige Jahre lang an ein bis zwei Wochenenden pro Monat Berufserfahrung.

Gegen Ende meines Studiums wollte ich’s wissen: fortan Sexarbeit oder Labor? Ich hatte in den vergangenen Jahren auch meine BDSM-Kenntnisse immer mehr erweitert, viele Workshops und Parties besucht, aber immer nur mit Partnern, Affären oder zumindest engeren Freunden gespielt. Ein halbes Jahr lang testete ich nun systematisch meine Grenzen aus, indem ich jede freie Minute in einem privaten SM-Club verbrachte und mit so ziemlich jedem alles machte, worauf wir beide gerade Lust hatten. Und da ich danach immer noch nicht die Nase voll hatte, packte ich das Diplomzeugnis in die Schublade und meine Sachen, zog in die Perversen-Hochburg Hamburg und heuerte im Studio Rex an. Kurz darauf trennten sich die beiden Betreiberinnen und wollten die Studioleitung abgeben, und so kam ich zu meinem eigenen Domizil wie die Jungfrau zum Kind: Da, mach mal. Nungut.

Der Schritt in die Öffentlichkeit als Sexworker war insofern recht einfach für mich, als dass er mit dem Umzug nach Hamburg zusammenfiel. Zuvor war ich offiziell eben „Studentin“, und Studentinnen fragt selten jemand explizit nach ihren Nebenjobs. So hatte ich von meiner Karriere als Stripperin nur denjenigen meiner Freunde erzählt, die es vertragen konnten. Eine langjährige Beziehung ist allerdings letztendlich an meiner Freiheitsliebe, nicht nur in bezug auf meinen Job, gescheitert. Im Nachhinein betrachtet war das eine Entscheidung, die wir sinnvollerweise schon deutlich früher hätten treffen sollen, aber hinterher ist man immer klüger.

In Hamburg baute ich mir einen neuen Freundeskreis auf mit Leuten, die mich von Anfang an als Sexworker kennenlernten, und da gab es keine Reibungspunkte, die ich mitbekommen hätte. Bis heute finde ich es erstaunlich entspannt, wie Menschen mit dem Thema umgehen, die mich aus anderem Kontext kennen – ich weiss zwar nicht, was hinter meinem Rücken getuschelt wird (wobei ich glaube, dass sich das in Grenzen hält), aber die Reaktionen mir gegenüber reichen von „aha, das ist ja mal was anderes“ bis zu stundenlangem Löchern nach Details. Empört den Raum verlassen ob der Präsenz einer Hure hat bisher noch niemand.

Meine Mutter, vor der ich nie Geheimnisse hatte, machte sich natürlich schon eine Weile lang Sorgen … nachdem ich sie irgendwann in Worten und Taten davon überzeugt hatte, dass ich weder dem Drogenkosum verfallen noch mit der kriminellen Unterwelt zu tun haben würde, war es dann aber auch für sie okay. Ihre erste Studioführung bei mir hatte sie übrigens zufälligerweise zusammen mit einigen netten Beamten und Beamtinnen der Milieuaufklärung vom Kommissariat 11, die zudem noch bekräftigen konnten, dass bezüglich meiner Machenschaften keine Klagen vorlägen. 😉

Also alles in allem ist die ganze Angelegenheit bisher erstaunlich glatt gelaufen. Die Gründe dafür sehe ich in einer gewissen Selbstverständlichkeit, die Dinge zu tun, die ich für richtig halte, und diese Entscheidungen auch gelassen nach außen zu vertreten, zudem in einer guten Wahl in bezug auf die Menschen, die ich in mein Leben lasse, und sicherlich auch etwas Glück, das ja bekanntermaßen gern mit den Mutigen ist. 🙂

Vielen Dank an Jörg und higherheel für die Inspiration zu diesem Text!

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10 Kommentare zu “Die Geschichte der U.”

  1. Heimö sagt:

    Respekt

    mehr will nicht dazu schreiben sagt alles aus von meiner Seite.

    Gruß

    Heimö

  2. Carsten sagt:

    Eigentlich unfassbar, wie „einfach“ das alles sein kann… :-))

    Danke, Undine, für die Details und die Bestätigung, dass es in dieser Szene nicht automatisch „schmuddelig“ zugehen muss…

    LG,
    Carsten

  3. higherheel sagt:

    Vielen Dank für die Antwort – hochinteressant und so umfassend, wie ich es nie erwartet hätte.

    Beeindruckte Grüße
    higherheel

  4. Jörg sagt:

    Gern geschehen. Ein hochinteressanter Einblick in die Szene.
    Und Roeckl Liebhaberinnen sind mir sehr sympahtisch.

    Liebe Grüße

    Jörg

  5. Pavarot sagt:

    …der Beitrag zeigt auch, mit welcher Leichtigkeit man durchs Leben kommt – wenn im Prinzip alles geklärt ist und man kein Versteckspiel führen muß.

    Es gibt bestimmt nicht sehr viele Menschen, die so offen mit ihren Interessen im bizarren Bereich umgehen können.

    Auf der anderen Seite kann man nun fragen = warum eigentlich nicht ? Anhand des Beispiels von Undine ist ersichtlich, dass es möglich ist.

    Der einzige Unterschied zu vielen anderen Lesern hier ist, dass die einen anderen Berufsweg gewählt haben und nicht zwingend ihr Geld damit verdienen. Und das wiederum macht es nicht einfach, sich so offen zu verhalten.

    Jedoch habe ich zu einer anderen Damen, die lange Jahren in der Szene gearbeitet hat, einen ganz guten Draht, die jedoch nicht so offen mit dem Leben in diesem Bereich umgegangen ist. Heute hat sie den Rückzug angetreten und versucht sich in einem Berufsfeld des Webdesigns selbständig zu machen.

    Welcher Weg nun tatsächlich der bessere ist, weiß bestimmt niemand von uns vorherzusehen. Jedoch habe ich den Eindruck, dass Undine mit ihrem Weg dem nachgegangen ist, was sie selbst interessiert und für richtig hielt. Und damit lebt es sich generell besser – als sich womöglich zu verbiegen.

    So – wie viele anderen von uns es eventuell jeden Tag machen müssen, um unsere Bröttchen zu verdienen.

    Gruß

    Pavarot

    • Undine sagt:

      Der einzige Unterschied zu vielen anderen Lesern hier ist, dass die einen anderen Berufsweg gewählt haben und nicht zwingend ihr Geld damit verdienen. Und das wiederum macht es nicht einfach, sich so offen zu verhalten.

      Meine Vermutung ist, dass mehr Menschen sich ein Outing leisten könnten, als es letzten Endes tun. Ich kenne viele Sadomasochisten, die genau wie ich damit völlig selbstverständlich umgehen – es niemandem unaufgefordert auf die Nase binden, aber z.B. eigene Webprojekte in diesem Bereich einem potenziellen Arbeitgeber mit als Referenzen angeben, ihre Mitgliedschaft beim BVSM als soziales Engagement im Lebenslauf aufführen, oder den Kollegen auf die Frage, was man letztes Wochenende unternommen habe, erklären, man war auf ner Party in Stadt xy – und falls die Kollegen weiterfragen, was denn so besonders an der Party war, dass man dafür so weit fahren muss, dann bekommen sie eine Antwort. Sprich, weder plakatieren noch verstecken.

      Klar kenne ich genauso auch Leute, die sich mit ihrer Neigung lieber zurückhalten, und das kann ja auch ganz entspannt laufen, insbesondere wenn man ein paarmal im Jahr ein Studio besucht oder mit dem Partner zuhause im Bett Fesselspielchen macht und sich ansonsten nicht großartig mit der Thematik beschäftigt. Blöd wird’s halt dann, wenn Leidensdruck entsteht, weil sich jemand verbiegt oder lügen muss.

      Wenn mich jemand bittet, seinen Eltern, Freunden oder Kollegen bei einem Zusammentreffen nichts von meinem Job zu erzählen, respektiere ich das auch (in dem Fall bin ich dann eben selbständige Unternehmerin oder mache Performance-Kunst, je nachdem, bei welcher Version erwartungsgemäß weniger nachgefragt wird). Und ich bin auch schonmal einen ganzen Abend lang damit durchgekommen, breit grinsend den Klassiker zu bringen: „ich könnte dir erzählen, was ich beruflich mache, aber dann müsste ich dich anschließend erschießen“. War ein recht unterhaltsames Spielchen. 🙂

      Beste Grüße,
      Undine

  6. Pavarot sagt:

    …*lach…Undine, ich weiß ja nun was Du beruflich machst….:-)

    Werde ich jetzt erschossen ???…:-)

    Ich kenne aber noch gaaaaanz viele andere Mitleser, die das auch wissen….wird das ein Massenmord ???..:-)

    Bizarre Abgründe tun sich da auf..:-)

    Spass beiseite – ist in der Tat ein sehr netter Klassiker – die Wahrheit auf diese Art zu verbergen. Das steigert die Neugierde ungemein…:-)

    Besten Gruß

    Pavarot

  7. Trotzkopp sagt:

    Als Mensch,der in seinem Leben schon so ziemlich jede Spielart der Befriedigung ausprobiert hat,muß ich sagen das deine Seite die mit Abstand interessanteste ihrer Art im Netz ist.
    Mach weiter so Lady!

  8. teacher sagt:

    Nachdem ich das gelesen habe, bin ich wieder einmal an dem Punkt, wo ich bereue, mich vor einigen Jahren für das Lehramtsstudium entschieden zu haben.
    Wie auch du oben schreibst -es gibt die Mädels, die von einer Karriere als Sexworker träumen.

    Irgendwie konnte ich mir das aber erst eingestehen, als die Entscheidung, Lehrer zur werden, bereits gefallen war. Ich liebe diesen Beruf, dennoch bleibt die Fantasie des -zumindest semiprofessionellen- Auslebens dessen, was ich im Moment nur „privat im Keller“ machen kann.

    Du schreibst, viel mehr Menschen könnten sich ein Outing leisten, ich bin in weiten Teilen meines Freundeskreises „geoutet“ und geh da eigentlich recht locker mit um.
    Es bleibt die Angst, dass dies in Verbindung mit meinem Beruf einmal gewaltig in die Hose geht…

    Bei nochmaligem Lesen fällt mir auf, dass dies vielleicht kein wirklich hilfreicher/sinnvoller Beitrag ist, dennoch überkam es mich spontan nach dem Lesen diese wirklich großartigen Artikels…

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