Topspace und Kontrollverlust

„Subspace“, „Fliegen“, die Trance des Passiven innerhalb eines BDSM-Spiels ist ein bekanntes und oft angestrebtes Phänomen. Der kritische Verstand ist dabei abgeschaltet oder wird nur noch als im Hintergrund mitlaufender Protokollant wahrgenommen, der Passive gibt sich ganz seinen Emotionen hin.

Weniger bekannt ist das Phänomen des „Topspace“ – ein ähnlich animalischer Rauschzustand des Aktiven. Aber ist das nicht gefährlich? Wer hat denn die Kontrolle über die Situation, wenn der dominant-sadistische Part es zulässt „auszuticken“? Das fragte kürzlich jemand in einem BDSM-Forum.

Meine Antwort las sich wie folgt:

Die Sorge des über die Stränge Schlagens als Aktive hatte ich in meinen Anfängen auch, weil sich der Rausch einfach zu geil anfühlt und mittendrin eine intrinsische Grenze nicht zu erkennen ist. Insofern kann ich die Frage schon nachvollziehen. Die letzten 15, 20 Jahre Praxis haben mir dann gezeigt, dass selbst in Momenten, in denen mein rationales Denken nicht mal mehr auf Sparflamme läuft, meine Instinkte und mein Unterbewusstsein dieselben Grenzen haben und dasselbe Ziel verfolgen und es offenbar in meiner Gesamtpersönlicheit in dieser Hinsicht keine internen Konflikte gibt. Umso mehr kann ich inzwischen den Kick meines eigenen „Wahnsinns“ genießen – nicht zu wissen, wie weit ich gehen werde, und mich auch gar nicht drum kümmern zu müssen, bis ich an der Grenze angekommen bin, weil ich mich auf mich selbst verlassen kann.

Das war übrigens genau das, was mir erfahrenere Tops damals schon erklärt haben. 😉

Zweifellos gibt es natürlich auch Menschen, die keine solchen unbewusst verankerten sozialverträglichen Grenzen haben. Soziopathie zeigt sich aber im allgemeinen früher als im ersten heftigen (grundsätzlich erst mal einvernehmlich begonnenen) SM-Spiel als Top. Wer da nicht schon vorher Anzeichen bei sich bemerkt hat, ist meiner Ansicht nach recht wenig gefährdet, seinen Passiven im Blutrausch umzubringen …

„Instinkt“ lt. Wikipedia: „wörtlich: Naturtrieb – bezeichnet meist die unbekannten, inneren Grundlagen („Antriebe“) des vom Beobachter wahrnehmbaren Verhaltens eines Tieres. Diese Bezeichnung wurde in der Verhaltensforschung und der Psychologie jedoch nie eindeutig definiert, sondern von unterschiedlichen Autoren jeweils unterschiedlich verwendet. Heute wird er zudem umgangssprachlich oft im übertragenen Sinne für „ein sicheres Gefühl für etwas“ verwendet und bezeichnet Verhaltensweisen des Menschen, die ohne reflektierte Kontrolle ablaufen.“

Mein Verlangen, andere Menschen sadistisch zu quälen und zu verletzen, hat instinktive Grenzen in dem Sinne, dass ich meinen bewussten Verstand nicht brauche, um diese Grenzen einzuhalten. Wenn sich diese Grenzen in etwa mit denen meines passiven Spielpartners decken (was eine Frage von Kommunikation und gegenseitigem Kennen ist), dann entsteht kein Schaden, wenn ich meinen Verstand im „Topspace“ abschalte und meinen Trieben folge.

Wenn ich mit jemandem zu tun habe, dessen Grenzen deutlich enger sind als meine, lasse ich mich nicht so weit gehen.

Du fragtest, wer die Kontrolle hat, wenn Top im Topspace ist. Meine Antwort: Immer noch der Top, aber nicht mehr bewusst, sondern unterbewusst, instinktiv.

Empathie ist ein unbewusster Vorgang, dafür brauche ich keine bewusste Überlegung. Eine Fähigkeit, die das Haupt-Unterschiedungsmerkmal zwischen einem Soziopathen und einem Nicht-Soziopathen ist. Ich habe zum Beispiel kein Interesse daran, jemandem Dinge anzutun, aus denen er nicht auf irgendeiner Ebene (ggf. auch erst deutlich nach der Session) etwas für sich Positives ziehen kann. Das heisst nicht, dass ich innerhalb der Situation Skrupel bekomme oder es meinen Flow unterbricht, wenn der andere heult oder blutet, solange ich weiss, er will dort hin. Ganz im Gegenteil, heftige Emotionen bei meinem Gegenüber beflügeln meinen Machtrausch umso mehr.

Es gibt übrigens immer noch einzelne Praktiken, bezüglich derer ich mir meiner Grenzen als Aktive im Rausch nicht bewusst bin. Einfach weil ich noch keinem passenden Menschen begegnet bin, der sich weit genug darauf einlassen wollte, damit ich riskieren konnte, mich gehenzulassen. Sowas macht mir aber mittlerweile auch keine Angst mehr – dann lasse ich eben meinen kritischen Verstand bei solchen Aktionen wach. Es wäre sicherlich ein interessantes Stück Selbsterfahrung, mich da mal unkritisch reinzugeben, aber ich überlebe auch so ganz gut …

Was ich bei so einer Thematik jedenfalls immer wieder faszinierend finde, ist die Tatsache, dass man rein durch theoretische Reflexion die eigenen Strukturen oft nicht wirklich begreifen kann: Woher soll ich wissen, wie ich ticke, bevor ich beobachtet habe, wie ich agiere? 😉 Ist aber auch kein Wunder – der allergrößte Teil unseres Verhaltens ist unbewusst gesteuert und wird allenfalls nachträglich rationalisiert.

Wie sind eure Ansichten und Erfahrungen mit dem Thema Topspace, sowohl aus aktiver als auch aus passiver Sicht?

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10 Kommentare zu “Topspace und Kontrollverlust”

  1. Cain sagt:

    Mal wieder ein großes Lob für diesen Tollen Artikel.
    Über dieses Thema liest man ja (leider) eher selten.
    Je länger ich deinen Blog lese, umso verlockender wird ein Besuch im schönen Hamburg 😉
    also nur ein Wunsch, der da lautet: Weiter so!

    Gruß
    Cain

  2. Andreas sagt:

    A very interesting point of view! I haven’t even considered the fact that there might be a top-space before, but when you think about it, it makes a lot of sence. I have seen Mistresses entering a state of mind where they seem to be guided by the pleasure the get from pushing their subs close to the limits, and acting on that intuition is probably very similar to the intuition the sub is acting on when putting their bodies and minds in the hands of the Mistress. I look forward to more interesting posts on your blog Miss!

    • Undine sagt:

      Thank you. Yes, both kinds of „spaces“ feel quite similar to me in the sense that rational thinking is overrun by intuition and emotion. In topspace I enter a kind of goddess mode – the world works just the way I created it, and woe to him that dares to challenge me. Interestingly enough I find that I crash much harder emotionally when something goes wrong while I’m in topspace compared to subspace. I’ve heard the same from other switches, too.

  3. J0hn sagt:

    Ein wirklich schöner Artikel.

    Als ich eben den Artikel las, wurde mir bewusst das ich auch schon Bekanntschaft mit dem Topspace gemacht habe.
    Das ganze war während einer Session die ich im übrigen mit zu den schönsten die ich bisher erlebt habe zähle. Ich selbst befand mich dabei im Subspace. Und meine Spielpartnerin verhielt sich irgendwie anders als sonnst. Es ist schwer zu beschreiben. Normalerweise strahlt sie immer eine gewisse ruhe aus. Sie wurde aber mit der Zeit immer aufgedrehter. Das begann erst so richtig in dem Moment als ich winselte das ich nicht mehr kann und auch das Zauberwort sagte. Ich konnte wirklich nicht mehr und war am ende. Sie war gerade dabei meine Eier zu „bearbeiten“. Sie streichelte mich zärtlich und fragte mich, ob sie noch ein klein wenig weiter machen kann. Das macht sie sonnst auch nie. Normalerweise macht sie Schluss wenn ich um Gnade bitte. Als ich dann zu stimmte bekam sie ein funkeln in den Augen. Und ihr Gesicht strahlte eine ungeheure Freude aus. Ich sagte wieder das Zauberwort. Und sie bat mich erneut. Und ich stimmte zu. Das wiederholte sich einige male. Die Grenze des erträglichen war längst überschritten. Diese Freude und diese strahlenden Augen zu sehen erfüllte mich mit Glück und zwang mich so immer wieder ihren Durst nach mehr zu stillen. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.
    Als ich das Studio verließ hat sie etwas sehr ungewöhnliches gemacht. Sie bedankte sich bei mir. Mir war zu erst nicht klar wieso…

  4. m. sagt:

    ‚Es gibt übrigens immer noch einzelne Praktiken, bezüglich derer ich mir meiner Grenzen als Aktive im Rausch nicht bewusst bin.‘
    Darf ich Sie fragen, welche das sind 🙂 ?

    Gruss
    m.

    • Undine sagt:

      Beissen, beispielsweise. Selbst wenn sich jemand auf einen offenen Menschenbiss mit den damit einhergehenden Infektionsrisiken einlassen würde, ist das allein schon im Rahmen meiner eigenen Safer Sex-Bedürfnisse nicht umzusetzen. Daher höre ich aus Vernunftsgründen auf, bevor die Haut reisst. Mich würde sehr interessieren, wie weit ich ohne diese Grenze gehen würde.

      • moonlight sagt:

        Die Auswirkungen einer menschlichen Bissverletzung zu kennen setzt gerade bei dieser Spielart zwingend voraus, daß der kritische Verstand nicht ausgeschaltet werden sollte auch wenn sich die instinktiven Grenzen decken sollten.
        Sollte sich der Passive vielleicht aus medizinischer Unkenntnis heraus seine Grenzen zu hoch setzen, da er diese Spielart als sehr erregend empfindet so schützt ihn letztlich nur der gesunde Menschenverstand der Aktiven vor den Konsequenzen. Auf Details der Auswirkungen, die ich selbst einmal miterleben mußte, möchte ich in einem öffentliche Blog nicht eingehen.
        Undine, bitte bewahren Sie sich daher Ihre für beide Seiten sehr verantwortungsvollen Vernunftgründe gewisse Grenzen in diesem Bereich eben nicht „einzureißen“ 😉

        P.S. Eins muß ich noch loswerden, es ist mir immer eine Freude Ihre sehr niveauvollen Einträge lesen zu dürfen. Es ist stets eine kurzweilige sinnliche Abwechslung nach einem arbeitsreichen Tag. Danke für diese kleine Erfahrung der Sinnesentführung in eine andere Welt.

        Gruß,
        moonlight

  5. Cameron, R. sagt:

    Cher Undine,

    It might be interesting to know something more regarding to how tops experience the emotions, that arise after leaving top-space.

    Another issue would be in how far gender involves the role of the dominant. You, e.g. seem to heavily rely on intuition to keep you inside the borders of consent, but is this not perhaps person resp. gender related?

    Personally, I have the feeling that I ‚drown‘ in my sub. It is not that I loose control, but I sort of get into a stage of ‚mind melt‘ like Mr. Spock did in StarTrek (Must have Vulcan ancestors). Meaning: I want to be so close onto, in and with her, as possible. D & s form an unity anyway, at least when the chemistry is right.

    On reading through my reply, the word ‚possession‘ comes to my mind; in its double meaning of fully ‚owning‘ your ‚property‘.

    Kind your mind clear folks, and give it to them like they deserve it!

    Cameron R.

    cameron.analizer@googlemail.com

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