Blindbewerbung

Hochverehrter Friseurmeister Meyer!

Wir kennen einander noch nicht, aber ich fand die Frisurenbilder auf Ihrer Homepage so ansprechend, dass ich mich entschlossen habe, Ihnen ein einmaliges Angebot zu machen, das sie keinesfalls ausschlagen können. Wenn Sie mir wenige Minuten Ihrer kostbaren Zeit gewähren, führe ich das kurz aus:

Also. Ich habe Haare. Einen ganzen Kopf voll davon! Das ist nichts besonderes, mögen sie vielleicht sagen, aber meine Haare sind ausgesprochen vielseitig. Und sie stehen ganz kostenlos zu Ihrer Verfügung! Sie dürfen sie waschen, schneiden, färben, rollen, föhnen, bürsten und vieles mehr. Und: ich mache mich sehr dekorativ in Friseurstühlen.

Wissen Sie, es ist so: ich stehe total auf schulterlange, mittelblonde Stufenschnitte. Solange Sie mir einen schulterlangen, mittelblonden Stufenschnitt verpassen, können Sie mit meinen Haaren machen, was Sie wollen! Sogar die Anzahl der Strähnchen bestimmen! Und ich mag auch Zöpfe, Dutts und Pferdeschwänze mit bunten Haargummis. Sie können sich also völlig frei kreativ ausleben. Und Fotos davon auf ihre Homepage stellen, solange mein Gesicht nicht zu erkennen ist. Ist das nicht unglaublich?

Da meine Haare die unterhaltsame Angewohnheit haben zu wachsen, können Sie sie wieder und wieder nachschneiden. Wenn Sie möchten, stehe ich wöchentlich zu Ihren Diensten. Schließlich bin ich nach zahlreichen Enttäuschungen nun endlich an einem langfristigen, vertrauensvollen Verhältnis interessiert. Daher kann ich auch leider nichts für unsere Treffen bezahlen. Erstens habe ich kein Geld und zweitens könnte ich dann nicht mehr dran glauben, dass Sie wirklich gern Haare frisieren. Zahlende Kunden haben Sie bestimmt genug – ich bin etwas besonderes. Sollten Sie mich allerdings an andere Friseurmeister und auch private Friseure in Ihrem Freundeskreis ausleihen wollen, können Sie das jederzeit tun (im Rahmen des blonden, schulterlangen Stufenschnitts natürlich) – und da ich die Haare so schön habe, dass diese sicherlich gerne bereit sind, dafür ein entsprechendes Entgeld zu bezahlen, könnten Sie sich damit ein ganz ordentliches Nebeneinkommen sichern! … naaa?

Okay, ich lege noch einen drauf – wenn Sie das wünschen, fege ich zwischendurch Ihren Salonboden. Ihre schmutzigsten Arbeiten sind gerade gut genug für mich! Nun ja, Sie müssten schon mit dem Kamm hinter mir stehen dabei. Ich fürchte, währenddessen können Sie sich nicht um zahlende Kunden kümmern. Und dass Ihre Putzfrau das ohne Aufsicht in der Hälfte der Zeit zu einem Zehntel Ihres Stundensatzes erledigen könnte – wer wird denn bitte so kleinlich sein! Schließlich haben Sie dabei den besten Blick auf meine attraktiven Haare, und zu Ihrem besonderen Vergnügen trage ich auch noch ein schickes Kleidchen dazu.



In der Hoffnung auf eine positive und zeitnahe Antwort,
Ergebenst Ihre

Elfriede T.

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8 Kommentare zu “Blindbewerbung”

  1. Tristan sagt:

    Wie überaus peinlich! Ich hoffe, das war eine große Ausnahme und Ihr werdet nicht regelmäßig mit derart kreativen Ideen belästigt. Diese spezielle Art von Nicht-Kunden existiert wohl ausnahmslos in jeder Branche 🙁

  2. LadyTanja sagt:

    Großartig!! *giggel*

    (und ich bestätige gerne Undines Aussage, daß wir solche Anfragen sehr, sehr oft erhalten)

    mit kollegialem Gruß,
    LadyTanja

  3. Gordon sagt:

    Herrlich! Nach dem zweiten Absatz verschwanden langsam die Fragezeichen und es dämmerte mir. Der Verdacht erhärtete sich und das Licht ging vollständig auf, bis aus einem amüsierten Schmunzeln schließlich ein Haifischgrinsen wurde. Humor ist wirklich der einzige Weg, wie man dem mitunter äußerst skurilen Verhalten seiner Mitmenschen begegnen kann. Du brauchst davon bestimmt mehr als andere.

  4. Miss Leonie sagt:

    Herrlich! *lach* Ja, es ist schon skurril, was einen manchmal so für „Bewerbungen“ erreichen, aber mit Humor ist doch einfach alles schöner *g*

  5. Kain Kosmos sagt:

    Ihr Blog ist in jeglicher Hinsicht eine Bereicherung.

  6. Katharina sagt:

    Ich kann nur darüber lachen 😀 Mir hat es gefallen. Sehr ideenreich und sehr poetisch, für mich. Erst auf die Idee zu kommen, dann sich zu trauen sie zu beschreiben finde ich gut.
    Für mich unterhaltsam und amüsant 🙂

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