Das Märchen von der „Zuhälterlobby“

Ihr Lieben, ich muss euch ein weiteres mal mit leidiger Politik traktieren. Ich verspreche, auch bald wieder über Themen zu bloggen, die sexy sind, aber dieses hier wird so oft angesprochen in diversen sozialen Netzwerken, dass ich aus Gründen der Bequemlichkeit mal einen Text brauche, auf den ich und andere verlinken können.

Zuletzt gelesen auf Facebook, und in Variationen auch anderswo zu finden:

„Undine de Riviére“ ist eine von einer Handvoll Lobbyistinnen, Studiobesitzerin/(Zuhälterin nannte man das früher), die viel Kohle an anderen verdient. Immer wieder dieselben Attrappen-Prostituierten im TV, das nervt auch schon langsam.

Da bedürfen gleich mehrere Punkte der Klärung.

Erstens: Lobbyistin bin ich selbstverständlich – ich versuche mittels persönlicher Netzwerke und Öffentlichkeitsarbeit Einfluss auf eine zukünftige Gesetzgebung zu nehmen, denn ich möchte in einer Gesellschaft mit Regeln leben, die ich für hilfreich und sinnvoll halte. Das entwertet meine Argumente inwiefern?

Zweitens: Stimmt, ich teile mir eine 100 Quadratmeter-Gewerbefläche in einem Bürogebäude mit ein paar Kolleginnen und bin die Hauptmieterin. Wir haben drei Arbeitszimmer, eine Wohnküche und ein großes Bad. Ich könnte die Räume allein tragen, brauche aber natürlich nicht ständig alle und habe auch gern mal Gesellschaft. Daher vermiete ich stundenweise an befreundete Kolleginnen unter. In Monaten, in denen viel los ist, bezahlt mir das vollständig meine Gewerbemiete, in anderen Monaten zahle ich sie größtenteils alleine. Übers Jahr bekomme ich darüber etwa zwei Drittel meiner Mietkosten zurück, so dass ich finanziell ähnlich dastehe, als würde ich nur ein einzelnes Arbeitszimmer alleine bespielen. Die derzeitige Handhabung finde ich angenehmer, weil sie mir und meinen Gästen die Nutzung unterschiedlicher Themenräume ermöglicht und das Netzwerken mit Kolleginnen vereinfacht.

Wir koordinieren die Zimmernutzung über einen gemeinsamen Online-Kalender, jede hat ihren eigenen Schlüssel, kommt und geht, wann sie möchte und hinterlässt die Stundenmiete gegen Quittung, falls ich nicht da bin. Ich bekomme wesentlich mehr Anfragen von neuen Interessentinnen zwecks Raumanmietung, als ich im Sinne eines entspannten und stressfreien Miteinanders annehmen will. Ich hätte den Betrieb in den letzten zehn Jahren beliebig vergrößern können, habe ich aber nicht, weil ich keine Lust auf Puffmuttertum habe und nicht darauf angewiesen sein will, ein Team zu verwalten. Liebe Prostitutiongegner_innen, jetzt mal ganz im Ernst – „Zuhälterei“ sieht anders aus.

Da die Variationen über das Thema gern auch beinhalten, dass ich als „Domina“ sowieso nicht weiss, wovon ich rede: Ein Blick auf meine Website hilft. Ich bin nicht nur auch für Geschlechtsverkehr zu buchen, ich lasse mir sogar selbst ab und an mal den Hintern versohlen. Und gelegentlich lasse ich mich auf kommerziellen, von bösen Ausbeutern organisierten Gangbang-Parties, die ja angeblich nicht mit der Würde der Frau vereinbar und was ganz anderes sind als die elitäre Beschäftigung mit kultivierten Perversionen, von den sprichwörtlichen „zehn Freiern am Tag“ gut gelaunt durchnageln. Der Verdienst ist auch nicht schlecht und die Orgienatmosphäre eine nette Abwechslung zur hyperfokussierten Arbeit im Studio.

Ah, als Kind (oder irgendwann später) sexuell missbraucht wurde ich auch nicht, und es würde mich doch wundern, wenn ich nach zwanzig Jahren immer noch nicht gemerkt hätte, dass mir die ganze Sexwork-Sache insgeheim dann doch ganz schrecklich schadet. Wer ohne jeden Anlass behauptet, jemand würde sich selbst belügen, nur weil er nicht der eigenen Meinung ist, ist als Gesprächspartner nun leider wirklich nicht ernstzunehmen.

Zum Thema „na gut, aber von deiner Sorte gibt’s doch sonst kaum welche“, verweise ich auf diesen hervorragenden Text bei „Feminist Ire“, des weiteren auf meine Einlassung zu Arbeitszufriedenheit vs. Arbeitsrechte in meinem letzten Blog-Artikel.

… haben wir dann jetzt alle „Argumente“ durch?

Drittens: „Immer dieselben im Fernsehen“ – nunja. Solange die gesellschaftliche Stigmatisierung so ist, wie sie ist, können sich die allerwenigsten von uns einen dermaßen öffentlichkeitswirksamen Auftritt leisten. Und angesichts der Tatsache, dass gewisse Hetzblätter inzwischen gezielt diejenigen von uns versuchen einzuschüchtern, die Medienpräsenz zeigen, indem sie unsere Realnamen, bürgerliche Nebenjobs und andere persönliche Informationen abdrucken, ist es ganz offensichtlich erst recht eine gute Idee, dass die „Handvoll“ Sprecherinnen dem mit einem fröhlichen „äh, und?“ begegnen können und andere Kolleginnen anonym und geschützt bleiben, die durch ein Outing tatsächlich Nachteile erwarten müssten.

Und weil wir gerade dabei sind: im BesD sind ausschließlich aktive und ehemalige Sexarbeiter_innen organisiert. Wir werden weder von irgendeiner imaginären „Zuhälterlobby“ finanziert, noch sind wir immer mit hauptberuflichen Bordellinhabern einer Meinung (viele davon befürworten zum Beispiel eine Konzessionierung, die die selbstorganisierte Sexarbeit in kleinen Kolleginnengruppen enorm erschweren und damit die Konkurrenz für die großen Häuser verringern würde). Aber hey, solange sich manche Menschen nicht zu schade sind zu versuchen, selbst renommierte internationale Hilfsorganisationen für Opfer von Menschenhandel, die europäischen AIDS-Hilfen oder den deutschen Frauenrat als „Zuhälterorganisationen“ zu diskreditieren, weil die sich gegen ein Verbot von Sexarbeit engagieren, sind wir doch in guter Gesellschaft! 🙂

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3 Kommentare zu “Das Märchen von der „Zuhälterlobby“”

  1. Kürass sagt:

    Liebe Undine, bitte teile gerne alles an Politik, das dich beschäftigt und das du teilen möchtest. Ich bin sicher, deine Leser_innen können damit umgehen und stehen hinter dir 😉

  2. Markus sagt:

    Leute, deren Moralvorstellungen und persönliche Ressentiments ohnehin allseitig von hohen Bretterzäunen begrenzt sind, werden sich auch durch diese bestechend klare Darstellung kaum eines Besseren belehren lassen. Wer meint, jegliche Form von Sexarbeit sei unmoralisch, menschenunwürdig und seelenschädigend, greift natürlich gierig nach allem, was sich als Waffe gegen diejenigen verwenden lässt, die nicht dem Lager der Hochanständigen angehören.

    Das Studio Rex ist schlicht und einfach ein Beispiel für eine gelungene Unternehmensgründung bzw. -weiterführung. Natürlich kann man fragen, warum es nicht in allen Betrieben der Branche so aussieht bzw. zugeht. So manches Etablissement kann wirklich Verbesserungen vertragen. Als Freier kenne ich eine ganze Reihe hamburger Betriebsstätten unterschiedlichster Kategorie und manche davon sind nicht sehr einladend, nicht für die Freier und wohl auch nicht für die dort Tätigen. Ich habe aber immer wieder Sexarbeiterinnenn getroffen, und zwar die meisten, denen ich begegnet bin, die mit den jeweiligen Arbeitsbedingungen (auch den finanziellen!) gut zurechtkommen und sie sich bewusst gewählt haben. All dies ist völlig unabhängig davon, was an Dienstleistungen angeboten wird und welche Tarife erhoben werden. Eine kleine Bemerkung für die Psychofraktion: Übrigens verfügen gerade diejenigen Frauen, die ausgesprochen „devote“ Praktiken anbieten, über ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Reflektionsvermögen und entsprechen damit so gar nicht dem Klischee des Opfers. Da kann ich Undine nur beipflichten: Selbstbestimmtheit braucht keine Peitsche. Denjenigen Frauen, denen es in der Sexarbeit schlecht geht, hilft man überhaupt nicht damit, dass diejenigen, die gut zurecht kommen, angeprangert werden.

    Wenn etwas zu ändern ist, dann höchstens die Umstände, unter denen Sexarbeit stattfindet und dann bitte mit maßgeblicher Beteiligung derjenigen, die dort arbeiten. Sexarbeit als Form menschlicher Interaktion ist kein bisschen unanständiger oder unmoralischer als andere Formen des Miteinanders.

    Natürlich, liebe Gutmenschen, ich bin Freier und alleine das disqualifiziert mich wohl schon, mir ein Urteil zu bilden. Dazu sage ich: Ich achte und ehre jede Frau, der ich begegne, ob sie mit mir intim werden will oder nicht. Ich freue mich über menschliche Begegnungen, mit oder ohne Sex und das schließt auch diejenigen Begegnungen ein, bei denen ich der Frau Geld gebe für die Zeit, die sie mit mir verbringt. Jede Frau, die Sexarbeit leistet, verdient Anerkennung und Respekt für genau das, was sie tut: Menschlichkeit Ausdruck verschaffen.

    Ich bin übrigens nicht nur ein Freund vieler Worte, ich meine sie auch so.

    Grüße an alle LeserInnen
    Markus

  3. Andre sagt:

    Liebe Undinde, mach bloß nicht den Fehler und messe Aussagen, die auf sozialen Netzwerken, Youtube etc. shitstorm-artig von hanz-und-franz aufgestellt werden zu viel Bedeutung & Energie zu. Es ist wahrlich der Anspruch der Gerechten, zu klären und sich zu rechtfertigen – und wenn das jemand kann, darf und soll dann gewiss Du! – aber beim (öffentlichen) Internet wird daraus schnell ein Kampf gegen die Windmühlen.

    LG

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